Dieter Sieg

„Die Frage ist, wo technische Beherrschung überhaupt enden kann.“

Viele Menschen halten unbearbeitete Kameradaten auch für „unverfälscht“. Aber im Gegenteil – sie weisen eine große Abweichung zum Original auf, etwa in den Farben. Selbst gute Apparate haben ein Delta E zwischen 9 und 10. Das heißt, die das Kamerabild kann auf keinen Fall die Deutungshoheit haben, ich muss das interpretieren. Nach mehreren Jahren Entwicklung und technischen Updates erreichen wir heute mit dem GREAT Scan ein Delta E zwischen 1,3 und 1,7.

Das heißt, es entfällt Aufwand für die nachträgliche Korrektur?

Das schon, Und trotzdem muss man bis ins Innerste verstehen, wie diese ganzen Werkzeugen die im Prozess benutzt werden, funktionieren, was sie eigentlich machen, die Bildschirme, das Licht. Jede Software fügt zum Beispiel feinste Abweichungen hinzu. Dann kommt die Umwandlung in andere Farbräume – RGB CMYK et cetera – oder Dateiformate. Und wir wissen, dass nur wenige Druckereien im heutigen 8-bit-Verfahren ein Delta E von kleiner als 2 überhaupt drucken können. Wenn man das alles wirklich versteht, dann kann man ein paar Orientierungslinien bestimmen und vernünftig darüber nachdenken, wie man sich möglichst gut durch diesen Dschungel bewegt. Unser Auge kann unfassbar viele Nuancen von Farben erkennen. Und wir sind da ziemlich haarspalterisch.

Sie beherrschen die Technik also besser als nötig?

Die Frage ist, wo technische Beherrschung überhaupt enden kann. Der Beruf des Fotografen etwa, da geht es technisch gesehen um nicht viel mehr als die maximale Beherrschung von Kontrasten auf Texturen; unabhängig vom Motiv. Das hat, so betrachtet,nicht viel mit Kreativität zu tun, ist aber eine Voraussetzung für diese. Denn wenn man seinen Job gut kann, dann ist es leichter, kreativ zu sein.

Ist nicht dieser glückliche Zufall mitentscheidend?

Ich durchdringe die Sachen gerne bis zu dem Punkt, an dem ich mir keine technischen Fragen mehr stellen muss, wenn ich kreativ sein will. Bis das Wissen in Fleisch, Blut und Bewegung übergegangen ist. Und mir ist wichtig, dass es allen, die bei den BLUE Studios arbeiten, auch so geht. Dann passieren tolle Dinge, in allen Bereichen. Und dann können wir auch Übergabefristen nennen, die unsere Kunden oft erstaunen, einfach, weil wir genau wissen, wie es in unseren Studios weitergeht …

… mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die kräftig anpacken?

Ich würde eher sagen: mit Leuten, die die Möglichkeit haben, auf der Höhe ihres Könnens zu arbeiten. Mit der besten Technik und in durchdachten Abläufen. Das hat nichts mit Nachtschichten zu tun, die sind nicht die Lösung. Hier arbeiten inzwischen sehr viele geschulte, wache Köpfe und Hände. Die sollen dabei entspannt bleiben. Einfach die besten Rahmenbedingungen und das beste Werkzeug haben, das wir ihnen bieten können. Deswegen sehe ich es als meinen Hauptjob an, diese Räume zu schaffen und die Workflows zu gestalten. Die Technik kann sich jeder kaufen, aber unsere Workflows um das Bild herum, die kann man sich nicht kaufen. Der Teufel liegt im Detail.